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PaSo's Welt: 13.01.2016 - Theaterstück "Der Fall Groß", Schüler der Gesamtschule Bellevue Saarbrücken dramatisieren Zeitgeschichte, Schuljahr 1990/91

In der 10. Klasse war unser Abschlussprojekt ein Theaterstück über Saarländische Geschichte. Dieser Stoff wurde Fächerübergreifend das ganze Schuljahr behandelt. Auch ich habe in diesem Stück mitgewirkt, als "Betriebsleiter", in der Lichttechnik, sowie beim "Elektronischen Verarbeiten" der Manuskripte.

Und ich war jung, 17 Jahre um genau zu sein:

PaSo mit jugendlichen 17 Jahren
PaSo mit jugendlichen 17 Jahren


Die Einleitung unseres damaligem Rektors Gerd Wager:

Historie erlebbar machen

Im Sommer 1990 las Bernt Engelmann aus seinem Buch "Du deutsch?". Zuhörer und eifrige Nachfrager waren Mädchen und Jungen der heutigen Zehnerklassen. Spontan erinnerte ich mich an Engelmanns Erzählung "Der König von Saarabien", in der er aus der Arbeiterperspektive ein Schlaglicht auf das Lebenswerk des Industriebarons Karl Ferdinand Freiherr von Stumm-Halberg wirft. Bei der Jahresplanung für das 10. Schuljahr entstand letztendlich die Projektidee: In Religion stand das Thema "Kirche und soziale Frage im 19. Jahrhundert" an; in Deutsch sollte ein Schwerpunkt in der Bearbeitung dramatischer Texte liegen, und aus diesem Grunde hatten wir schon einen Besuch im Staatstheater vorgesehen, wo Gerhart Hauptmanns "Vor Sonnenuntergang" aufgeführt wurde. Schließlich beschloß das Jahrgangsteam, ein fächerübergreifendes Projekt unter Erweiterung durch die Lernbereiche Ethik, Kunst, Musik, Natur- und Gesellschaftswissenschaften unter dem Titel "Bilder aus der Eisenzeit des Saarlandes" durchzuführen. Zwischen Oktober '90 und Februar '91 arbeiteten Schüler und Schülerinnen intensiv in den unterschiedlichen Bereichen und konnten ihre Arbeiten in einer umfangreichen Dokumentation öffentlich vorstellen.

Parallel dazu lief die Dramatisierung des Engelmannschen Stoffes: Das Schicksal des Stumm-Arbeiters Johann Groß hatte betroffen gemacht. Wie war das damals möglich? Welche Arbeitsbedingungen herrschten? Wer waren die Macher, wer die Opfer? Umfangreiche Recherchen in Bibliotheken und Archiven ließen bald ein historisches Mosaik entstehen. Wer war möglicherweise bei Stumm ein gesprochen haben? Welche zeitgeschichtlichen Ereignisse bewegten diese Gesellschaft? Wir erarbeiteten uns ein "Gesellschaftsbild", Dialoge entstanden, Szenen wurden konzipiert. Schon bald wurde deutlich, daß nicht das tatsächlich Gesagte wichtig ist, sondern Geist und Einstellung der handelnden Personen in den Dialogen zum Ausdruck kommen mußte. So suchten wir in Zeitdokumenten nach authentischen Aussagen der wichtigen Figuren: Die Rede des Pfarrers Adolph Fauth vor der Synode in Gersweiler von 1892 lieferte beispielsweise die Pfarrersworte. "Der Bergmannsfreund" aus dem Jahre 1900 enthielt wichtige Aussagen über Arbeiterschaft, Sozialdemokratie und Freimaurerei. Selbst der Gesellschaftsklatsch dieser Zeit ist überliefert.

Die Figuren sind historisch, ihr zusammentreffen an diesem Ort fiktiv, besonders deutlich in der Figur des Arztes Cohnheim. Es reizte uns, den Geist der medizinischen Wissenschaft auf gesellschaftspolitische Zusammenhänge angewandt zu sehen. Wie schnell sind doch folgenschwere Irrtümer geboren, vor allem im Namen der Wissenschaft? Rollen und Texte sind in enger Wechselwirkung mit Szenenproben entstanden: Bilder stellen, Texte entwickeln, Probe und Korrektur.

Eine besondere Hilfe waren uns Mitarbeiterinnen von "Arbeit und Kultur" der Landeshauptstadt Saarbrücken. Vor allem die Schauspielerin Michaela Auinger arbeitete von Anfang an konzeptionell und praktisch mit. Die Mitarbeiter unserer Bibliothek unterstützten uns bei der Literaturbeschaffung und halfen bei der Recherche. Ingeborg Frost-Benzian entwickelte und baute mit einer Schülerinnengruppe die Bühnenbilder; Alicia Melillo arrangierte die Choreographie und studierte die Abläufe ein.

Ein besonderes Problem war die Motivation der Schüler und Schülerinnen, damit ein so gewaltiges Projekt über ein ganzes Schuljahr durchgehalten werden kann. Natürlich mußten die sonstigen schulischen Dinge gelernt werden, auch auf Klassenarbeiten konnte nicht verzichtet werden. So mußte für die Produktion zusätzlich gearbeitet werden, von Schülerinnen und Schülern, aber auch von allen beteiligten Erwachsenen.

Heute stehen wir am Ende eines spannenden Prozesses für alle Beteiligten, vergleichbar dem Bergsteiger, der den Gipfel erklommen hat: Ein Stück Industriegeschichte unserer Vorfahren ist für uns erfahrbar geworden!

Gerd Wagner

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Der Fall Groß

Schüler dramatisieren Zeitgeschichte

Schüler der Gesamtschule Bellevue Saarbrücken, Schuljahr 1990/91

Technischer Hinweis: Die Vorlage ist leider sehr grob gerastert.

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Erstellt durch: PaSo's MuseumsWelt - V3.06.02 Edition #Neuland / Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO)
Datensatz geändert am: 14.09.2019 16:54